Zeitenwechsel I (mit der Maus über das Bild fahren) PDF Drucken E-Mail
Historische Aufnahme Solms-/Ecke Bergmannstraße













Zuletzt aktualisiert am Freitag, den 11. Juni 2010 um 21:09 Uhr
 
Zeitenwechsel II (mit der Maus über das Bild fahren) PDF Drucken E-Mail
Historische Aufnahme
Zuletzt aktualisiert am Freitag, den 11. Juni 2010 um 21:12 Uhr
 
Replik auf einen Artikel der Kreuzberger Chronik PDF Drucken E-Mail

Lieber Erwin,

ich lobe deine Bemühungen um die Geschichte des Kiezes von unten und deine Verdienste für die deutsche Sprache, doch dein Artikel über das Turandot, in  der vorletzten Kreuzberger Chronik, ist ein wenig daneben gegangen: Du hast das Besondere im Allgemeinen nicht erkannt.

Dein Artikel muss wohl zwanzig Jahre in der Schublade geruht haben, denn zu dieser Zeit wäre ein Vergleich zwischen dem Turandot  und der Molle noch nachvollziehbar gewesen. (damals hieß dieses Lokal noch Solmseck). Das Folgende muss ich hier als Gegenveröffentlichung berichtigen.

Denn das Turandot ( Prinzessin aus einer orientalischen Sage, die den Freiern den Kopf abhacken ließ wenn diese ihre Rätsel nicht lösen konnten) hat sich, seit dem die Familie Schmidt - Theiling die Regie übernommen hat, zu einer gewissen Einmaligkeit entwickelt. Nicht nur wegen seiner Patina und der besonderen Dekoration. Als erstes haben die Besitzer, Frauke und Roman, die Spielautomaten und den Billardtisch aus der Kneipe entfernt und ein Klavier hineingestellt. Die Kunst zog ein. Das Klavier, das wegen Ruhestörung nicht mehr gespielt werden durfte, musste leider entsorgt werden, dafür stellten die Gastronomen ein Bücherregal in das  Lokal.  Auf diesem kleinen Podest, auf dem schon viele Bands gespielt hatten, wurde ein kapitalistisches Übel beseitigt: Auf der Bühne existiert nun eine Bücher Tausch Börse. Umsonst!

Die Tresenarbeiter, die im Solmseck  die trinkfestesten Gäste waren, wurden gegen junge Studenten ausgewechselt, die sich hier ihr Studium verdienten. Das waren etwa dreißig Menschen. Viele arbeiten immer noch hier oder sind zu Gästen geworden. So wird man heute von Berufszapfern, Malern Rechtsanwälten, Psychologen,  Musikern, Sprachwissenschaftlern und Erziehern bedient. Die Gästeliste ist das Kunterbunteste was man in Kreuzberg finden kann. Hier sitzen die Malocher neben Intellektuellen, Musikern, Kunsthandwerkern, Politologen, Schauspielern, Fußballexperten und anderen Selbstdarstellern. Ob lesbisch, schwul, Hoffenheim oder Bremen, ob Iren, Polen, Türken, ob Ossi oder Wesssi oder sonst wo her, das spielt hier kaum eine Rolle. Das Turandot ist international.

Tagsüber treffen sich hier die Nachbarn zum Zeitung lesen, zu vielfältigen Debatten über Intimes, Kunst und Politik, man hilft sich gegenseitig, streitet sich und liebt sich auch.

Die Bedienungen dürfen auch mal schlecht gelaunt sein, doch meist hört man fröhliches Gelächter in dieser  Begegnungsstätte. Manches Paar hat hier schon zu gemeinsamer Liebe gefunden, Kinder sind geboren worden.  Der Anteil der Frauen unter den Gästen ist besonders präsent, widerliche Anmache  ist verboten. Das ist ein Eldorado für emanzipierte Männer, die hier auch hin und wieder mal Skat spielen dürfen, wenn sie nicht zu laut bellen.

Abends verjüngt sich das Publikum, die Kinder der Gäste teilen dann hier ihre Nöte und Freuden. Eine Schlägerei habe ich hier während Fünftausend Stunden Anwesenheit noch nicht erlebt und auch die „Rotnase  mit der dunkelroten, knolligen Nase, die das Bier zum brodeln bringt, “ habe ich nicht entdeckt.

Oft sind die Gäste mit den Zapfern befreundet. Man kennt sich, pflegt den unterschiedlichen Musik- Geschmack und die gemeinsame Tierliebe. Falls einem Gast mal, aufgrund zu vieler geistiger Genüsse, die Beine versagen, , wird er sogar nach Hause begleitet.

Als wir im Letzten Jahr, unseren Stammgast Eddy beerdigten (einer von vielen inzwischen gestorbenen) wunderte sich der Begräbnisleiter. dass so viele Menschen anwesend waren. Er fragte mich, wie das kommt und ich sagte nur: „gemeinsame Kneipe.“ Worauf er traurig feststellte: „ja, die Kneipen, die funktionieren oft besser als die Kirche.“

Ja, so isses! Obwohl, der Touristenstrom der Bergmannstraße manchmal die Bewohner arg bedrängt, ist mit dem Turandot ein  Wohlfühl-Ort für die letzten Kiezbewohner entstanden, die das kritische Denken noch pflegen.  Da gibt es viele Geschichten zu erzählen.

Solidarische Grüße
Achim

Zuletzt aktualisiert am Montag, den 26. April 2010 um 12:33 Uhr
 
Kreuzberger Chronik No. 114 - Februar 2010 PDF Drucken E-Mail

Leider stehen die aktuellen Ausgaben der Kreuzberger Chronik noch nicht online zur Verfügung, daher hier der Text zum nachlesen:

Im Turandot

Einst gab es in der Bergmannstraße noch die Molle. Heute gibt es nur noch das Turandot.
von Erwin Tichatzek

Was war denn das hier? Das junge Paar stand unschlüssig gleich am Eingang beim Tresen, wo sich die Menschen drängten, als gäbe es Freibier. Hinten führten fünf stählerne Stufen in einen zweiten Raum, dessen Dielen von den vielen Biertrinkern schon ganz dünngelaufen waren. An den Tischen saßen Pärchen, die sich küssten oder stritten, Männer, die mit glühenden Zigaretten gestikulierten, Einzelgänger vor dem Bücherregal, eine Skatrunde. Auf jedem Tisch stand ein Aschenbecher, über den Köpfen lag ein dichter Nebel.
»Was das hier ist? Das ist ne Kneipe!«, antwortete der Zapfer.
»Das seh ich auch!«, entgegnete der junge Mann.
»Warum fragst du dann?«, meinte ein Mann mit einer riesigen Nase und einem riesigen Bier. Die Freundin des jungen Mannes kicherte.
»Ich mein, Turandot, das klingt doch französisch. Wir waren gerade drüben bei dem Mexikaner, gestern waren wir in ner Enoteca, vorgestern bei dem Vietnamesen. Aber das hier...«
»Turandot, das ist ne Oper von Puccini. Und das hier, das ist ne Kneipe! Ganz einfach ne Kneipe. Gibts so was bei euch nicht mehr?
»Wir kommen aus Regensburg!«
»Hab ich mir gedacht. Aber macht nix. Man kann ja nichts dafür, wo man hingeboren wird!« Die Regensburgerin starrte dem Mann mitten ins Gesicht immer auf die dunkelrote, knollige Nase. Sie war sich sicher, dass das Bier augenblicklich zu brodeln begänne, wenn er seinen Zinken ins Glas tauchen würde.
»Also«, lenkte Rotnase ein, »das hier ist die letzte Berliner Kneipe in der ganzen Bergmannstraße! Früher gab es hier nur so ne Kneipen. Aber jetzt kommen lauter fremde Leute und wollen mexikanisch oder kolumbianisch Kaffee trinken. Aber so was is hier nich. Hier is Milieuschutz! Hier darfste rauchen, saufen, prügeln, knutschen. Verstehste?«
Die Beiden verstanden. Die Freundin tippelte in ihrem kurzen Schachbrettmuster-Rock die Stufen hinauf, und dann saßen sie unter einheimischen Rauchern, Skatspielern, Sozialarbeitern, Politologen, und knutschten. Rotnase schüttelte den Kopf: »Diese jungen Leute wissen vor lauter Sushi und Muschi schon nicht mehr, was ne Kneipe ist!«
»Bei uns in Prenzlberg«, schaltete sich eine Frau mit Rastalocken ein, »gibts nur noch Schwaben. BMWs und Schwaben. Das ist das Ende. Der Weltuntergang.«
»Wo die herkommen, das ist doch egal«, sagte Rotnase. »Ossis, Amerikaner, Chinesen, Schwaben - ist doch scheißegal. Vor vierzig Jahren, da war hier auch alles voller Schwaben. Aber die kauften keine Eigentumswohnungen. Die kamen hierher, weils gute Kneipen und besetzte Häuser gab. Und die, die heute kommen, sind Bionadetrinker und Nichtraucher. Das ist das Problem. Prost!«

Zuletzt aktualisiert am Montag, den 26. April 2010 um 12:38 Uhr